Das Neue Jahr …

Ihr Lieben alle,

Euch ein gutes und gesegnetes Neues Jahr 2014. Wir sind nach wirklich besinnlichen Weihnachtstagen mit Weihnachtspalme und Nilkreuzfahrt gut im neuen Jahr angekommen. In der Gemeinde geht alles mit großen Schritten auf das 150. Jubiläum am 28. Februar zu (für das wir übrigens gerne Spenden entgegennehmen …). In der Schule har uns das erste Mal der Notenstress gepackt.

Alles scheint ganz normal zu sein, bis heute Morgen. Es war schon häufiger die Rede von erwarteten Aktionen der Moslembrüder, aber meistens doch nichts passiert. Heute nun war es anders. 4 Bomben sind in Kairo explodiert. Für uns hat zu keiner Zeit Gefahr bestanden. Diese Anschläge richten sich gegen Sicherheitskräfte und Soldaten, die die jetzige Regierung repräsentieren. Wir hoffen, dass solche Taten Einzelfälle bleiben. Was wir tun können, ist gefährlichen Orten fernzubleiben oder an unruhigen Tagen zu Hause zu bleiben. Daran halten wir uns. Dabei war heute so ein schöner Tag …

Soviel in aller Kürze, aber wir wollten, dass Ihr Bescheid wisst. Seid herzlich gegrüßt und Gott befohlen …

Nadia und Stefan mit Junis und Lia

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Nach langem Schweigen …

Es ist uns ein Rätsel, wie es schon Dezember sein kann. Sind wir nicht gerade erst wieder nach Kairo gekommen? Liegt der Sommer nicht erst wenige Wochen zurück? Nein, der Durft der Tannennadeln unseres Adventskranzes und der Adventsschmuck im Wohnzimmer sprechen eine klare Sprache: Es ist Advent! Wir warten Dein, o Gottesohn, und lieben Dein Erscheinen!

Der Sommer in Deutschland hat uns wohlgetan. Mit unserem mobilen Zuhause, einem alten aber robusten Hymermobil namens Rosa von Osterholz-Schambeck (der Rufname erklärt sich aus der leitenden Farbe der Inneneinrichtung, der Nachname

liegt auf der Hand) sind wir durch die Lande gereist. Hatten immer alles dabei und war motorisiert. Junis und Lia haben sich gleich in das Gefährt verliebt – und alle Freunde zur Besichtigung eingeladen. Der Sommer war herrlich, bilderbuchhaft.

Junis endlich wieder in seiner blauen Gruppe im St.-Johannis-Kindergarten Lüchow

Wir nutzen die Zeit, unsere Familien zu besuchen, an den Schaalsee zu fahren und Freunde zu besuchen. Eine der ersten Anlaufstellen war natürlich der St.-Johanniskindergarten in Lüchow. Junis hatte Sehnsucht nach seiner blauen Gruppe. Da gab es ein großes „Hallo!“ – und die ägyptischen Zuckermandeln kamen gut an.

 

Mit Oma und Opa im Jaderberger Zoo

Lüchow, Frankfurt, Heidelberg, Salzhausen, Beseland – es tat gut,soviele liebe Menschen wieder zu sehen. Der kleine Empfang im Lüchower Gemeindehaus hat uns noch einmal in die nahe Vergangenheit eintauchen lassen. Verwöhnt von Kuchen, Kaffee und vielen lieben Leuten. Das hat uns bestärkt und uns gezeigt, was für ein Schatz es ist, gute Freunde zu haben.

Zur Stillen Rast auf der Insel Rügen

Auf Rügen haben wir uns eine Auszeit genommen. Die Ostsee war bezaubernd, das Wetter auch – und unsere Nachbarn erst … Das Cafe lag auf dem Weg, den wir einige Male genommen haben. Malerisch.

 

Natürlich haben wir auch Nadias 40. gebührend nachgefeiert.In Zarrentin am Schaalsee. Ein entspanntes Fest bei bestem Wetter direkt am Wasser. Viele sind der Einladung gefolgt; ein Fest der Begegnung.

Was uns natürlich riesig gefreut hat, ist die Geburt unserer Nichte Hannah.

Unsere Nichte Hannah

 Dass wir das noch mitbekommen haben, war nicht nur hervorragendes Timing, sondern ein richtiges Gottesgeschenk.

 

Nachdem wir erst nicht einreisen konnten, hat uns der Alltag schnell wieder eingefangen. Viele Aktionen und Projekte mussten umgeplant

Eine Kameltour mit Steffi bei den Pyramiden in Gizeh

werden, weil wir einfach nicht loslegen konnten. Die Lage war unklar und viele Gemeindeglieder kamen erst verspätet wieder an. Trotzdem hatten wir ein wunderbares Willkommensfest „Ahlan wa sahlan“, hatten Zeit, Stefans Geburtstag zu feiern und unsere Freundin Steffi aus Buxtehude bei uns zu haben.

Wir beide haben angefangen, in der Schule Religion zu unterrichten. Nadia in der SEK I und Stefan in der Oberstufe. Dort arbeitet er zusammen mit einem muslimischen Kollegen im kooperativen Religionsunterricht, d.h. ein Thema wird aus christlicher und muslimischer Sicht betrachtet.

Junis mit seiner Elefantenlaterne beim Laternenumzug des Kindergartens der DEO

Im Herbst gab es einen schönen Laternenumzug mit dem Kindergarten, zu dem Junis eine Elefantenlaterne gebastelt hat. Und die Kirchengemeinde hat in der Wüste zum St. Martinstag ein Laternenfest gefeiert und gegrillt. Vorgestern nun fand der große Weihnachtsbasar an der DEO statt. Ein großer Event mit allem, was ein Basar braucht. Vor allem deutsche Spezialitäten und Produkte von Initiativen und Projekten sind dort zu haben gewesen.

Damit hat die Einstimmung auf den Advent begonnen. Die Wohnung ist geschmückt, vieles erinnert an Lüchow, und doch ist alles neu und anders. Wir haben Stollen und Plätzchen gebacken, heute Morgen

Die Familie backt Weihnachtsplätzchen mit Omi

die erste Kerze angezündet und die Adventskantaten gehört. Mousa und Helga sind bei uns zu Besuch und erleben mit uns gemeinsam diese erwartungsvolle Zeit. Jetzt hoffen wir für uns und für das Land, in dem wir zur Zeit leben, dass der Friedefürst komme!

 

Wir grüßen Euch herzlich und wünschen Euch eine gesegnete Adventszeit!

Eure Nadia, Stefan, Junis und Lia El Karsheh

Lia auf einer Lastkarre im Alternativpark Fagnoon

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Wieder beisammen

Seit dem 4. September sind wir wieder alle an Bord. Nadia und Junis und Lia sind am Mittwoch wohlbehalten und glücklich in Kairo angekommen. Es ist auch nach nur einem halben Jahr unser „Zuhause“. Hier wohnen wir, hier arbeiten wir, hier leben wir zusammen mit anderen, hier fühlen wir uns wohl.

Durch die Unruhen und die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes konnten viele nicht einreisen. Damit beginnt das Kairojahr mit einiger Verspätung. Die Schule und der Kindergarten erst nächste Woche. Für Junis wird es dann wirklich Zeit, in die Vorschule zu kommen und seine Freunde wiederzusehen. Lia kommt in den nächsten Tagen in eine Krippe. Queenbees – „Königsbienen“. Dieser Name der Einrichtung sagt mehr über das Selbstverständnis als alle Worte.

Nadia und ich arbeiten uns langsam aber sicher in den Schulalltag ein. Machen Bekanntschaft mit dem Kollegium. Ich, Stefan, werde im Kooperativen Religionsunterricht in der Oberstufe arbeiten. Zusammen mit einem muslimischen Partner bearbeiten wir Themen aus muslimischer und christlicher Sicht. Nadia unterrichtet in der Sek I und wird dort mit einem koptischen Lehrer zusammenarbeiten. Das sind sehr spannende und bestimmt sehr lehrreiche Erfahrungen für uns.

Von den Unruhen, die es immer noch gibt, und den vereinzelten Anschlägen sehen wir im Fernsehen. Doch die große Unruhe, die darüber in den deutschen Medien verbreitet wird, verstehen wir nicht. Zwar kann keiner mit Sicherheit sagen, was in Zukunft sein wird. Trotzdem ist  die aktuelle Berichterstattung sehr auf die schrecklichen und damit „interessanten“ Bilder aus. Nun, wir fühlen uns gut hier. Sind von so vielen Menschen freundlich empfangen worden. Nur immer wieder die Frage, warum wir in Deutschland so kritisch zu der Absetzung Mursis stünden. Das versteht hier kaum jemand – kaum ein Moslem und erst recht kein Kopte.

Der Sommer in Deutschland war wunderschön. Wir denken gerne an all die Begegnungen mit Euch zurück. Es war wirklich toll mit Euch! Seid alle herzlich gegrüßt und Gott befohlen

Eure Stefan und Nadia mit Junis und Lia

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Von einem, der auszog …

Ihr Lieben alle, die Ihr Euch seit Wochen darüber Gedanken macht, wie es uns wohl geht. Wie vor einer Woche berichtet, haben wir unsere Einreise um eine Woche verschoben. Nach der Räumung der Camps war die Sicherheitslage sehr unübersichtlich. Nun, eine Woche später, bin ich, Stefan, wieder in Kairo in unserer Wohnung. Nadia und Junis und Lia sind noch in Deutschland mit unserem Wohnmobil unterwegs. Ich bin am Donnerstagabend (22. August) um 19.30 Uhr in Kairo gelandet. Da ich damit Ausgangssperre überschritten hatte, bin ich in ein Hotel gegangen und habe dort übernachtet. Ein Mitarbeiter des Hotels stand mit einem Schild: „Mr. S. El Karsheh“ am Ausgang. Das hatte ich auch noch nie. Ein Ankommen in Schritten. Sehr ehrholsam. Seit langem wieder einen Limettensaft und eine Schischa in Ruhe. Das hat mir gut getan.

Am Freitagmorgen dann bin ich mit einem Fahrer nach Dokki zu unserer Wohnung gefahren. Auf der ganzen langen Strecke gab es nicht einen Kontrollposten. Und der Verkehr war harmlos. So bin ich sicher angekommen. Habe heute Morgen alle Geräte angestellt, vor allem die Klimaanlagen und unseren Kaffeeautomaten und das Internet. Alles funktionsfähig. Gott sei Dank. Nun kann die Arbeit kommen. Komisch ist es aber schon, jetzt in „unserer“ Wohnung allein zu sein. Zwar habe ich Ruhe zum Arbeiten. Doch das Leben mit Familie ist einfach etwas anderes.

Soviel für den Augenblick. Seid herzlich gegrüßt. Habt Dank für Euer Mitfühlen und Mitbangen, habt Dank für alle Gebete und Unterstützung. Wir fühlen uns getragen und sicher.

Gott befohlen!

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Noch in Deutschland

Im Juli sind wir am Tag der Absetzung Mursis ausgereist. Am 3. Juli nachmittags saßen wir bei Freunden in Hamburg, als uns die Nachricht erreichte. Von da an erlebten wir sechs wunderbare Wochen bei einem traumhaften Sommer in Deutschland. Unterwegs in unserem Wohnmobil. Viele von Euch haben wir gesehen und gesprochen. Eine erfüllte Zeit mit vielen Eindrücken. Nadias Geburtstagsfeier, Urlaub auf Rügen, Kaffeetafel im Lüchower Gemeindehaus und vieles mehr.
Viele haben sich gefrag, was passiert eigentlich wenn diese Zeit zu Ende geht. Zurück nach Ägypten in diesen Zeiten? Wir haben uns das auch immer gefragt. Die Situation in „unserem“ Land vor Augen, doch lange schien die Lage zwar angespannt aber stabil. Heute hat sich das Blatt gewendet. Eigentlich wollte ich meine Koffer packen und Morgen nach Kairo fliegen. Die Räumung der Camps und die Ausrufung des Ausnahmezustandes haben diese Pläne durchkreuzt. Die EKD hat uns in Person des Auslandsbischofs ausdrücklich gebeten, nicht auszureisen. Damit verzögert sich die Ausreise um einige Tage. Mal sehen, was dann kommt. Wir machen uns Sorgen um Kairo und Ägypten. Wir wären gerne dort, wo unsere Gemeindeglieder sind. Im Augenblick können wir nur warten, hoffen und beten.

Soviel für den Augenblick. Wir lassen wieder von uns hören …
Gott befohlen
Stefan und Nadia mit Junis und Lia

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30 Juni und dann …?

Ihr Lieben in Deutschland.

Ihr habt sicher alle die Nachrichten verfolgt und seid sehr um uns besorgt. Der 30. Juni ist von den Ägyptern und von uns mit Spannung erwartet worden, weil bis zu 18 Millionen Menschen ihre Unterschrift unter ein Referendum gegen Morsi gesetzt haben sollen. Heute Abend nun stehen ca. 3 Kilometer von uns 100Tausende auf dem Tahrirplatz und demonstrieren. Die Straßen sind leer, für Kairo absolut ungewöhnlich, fast gespenstisch, Geschäfte sind geschlossen. In Gefahr sind wir nicht. In unserem Stadteil spüren wir bestenfalls, wie sich Menschen auf dem Weg zum Tahrirplatz machen.

Heute Nachmittag bin ich, Stefan, mit Junis und Lia noch zum Schwimmen in die Schule gefahren. Junis hat in Hurghada am Roten Meer, wo wir letzte Woche waren, sein Schnorchelset entdeckt. Nun ist er süchtig nach Tauchen. Der Weg zur Schule führt über die Tahrirstraße, die im gleichnamigen Platz mündet. Wir konnten das Ende der Menschenmassen sehen. Fahnen wurde geschwenkt, viele machten sich auf den Weg, junge Leute, Familien mit Kindern. Die Stimmung war gut. Aber natürlich kann sich das ändern. Wenn die Morsi-Freunde, die sich in einem Stadtteil versammelt haben, auf die Gegner treffen, die sich an vielen anderen Orten treffen, dann wird es unangenehm. Polizei und Armee sind nicht im Einsatz, ab und zu fliegen Hubschrauber über uns hinweg.

Vor gut drei Stunden haben wie einen Hausgottesdienst gefeiert. Ein Friedensgebet. Es waren erstaunlich Viele da. Das Bedürfnis, die Sache in Gottes Hände zu legen, war bei uns allen zu spüren. Danach ein gemeinsames Essen, so haben wir uns gerüstet für die Nacht, die nächsten Tage und auf den Sommer. Denn die meisten verlassen in den nächsten Tagen das Land, um in Deutschland Sommerurlaub zu machen. So wie wir.

Für heute Abend vielleicht so viel: Wir fühlen uns sicher und verfolgen gespannt die Entwicklungen. Es lässt sich zwar nicht mit Gorleben vergleichen, aber nach fast 10 Jahren im Wendland spüren wir doch eine gewisse innere Gelassenheit in dieser Lage. Hoffen wir alle, dass die Menschen es hier schaffen, wie in unserer früheren Heimat: Mit Zähigkeit und Gewaltlosigkeit.

Wir hätten noch so viel zu schreiben, doch mehr als etwas Bonusmaterial ist in diesen Tagen kaum drin. Wir haben da noch einen Artikel, den Nadia für ein Magazin der dt. Community hier in Kairo geschrieben hat und ein Liedtext, den ich auf die Melodie „Ich steh an deiner Krippe hier“ getextet habe. Alles andere vielleicht noch in den nächsten Tagen – oder wenn wir uns sehen. Denn bald schon sind wir im Urlaub und reisen durch D mit unserem neuen alten Wohnmobil mit dem klingenden Namen „Rosa von Osterholz-Schambeck“.

Eure Nadia und Stefan mit Lia und Junis

 

„You only live once“

Der Blick aus unserem Fenster in der Michel-Bakhoum-Str. in Dokki enthüllt eine philosopische Weisheit: In weißen Leuchtbuchstaben ist da an der schräg gegenüberliegenden Hauswand zu lesen: „You only live once!“. Das ist zweifelsfrei richtig. Gemeint ist dieser Sinnspruch als Werbung für ein trendiges Restaurant. Nach dem Motto: „Iss gut und viel, solange Du es kannst!“ Wenn es danach geht, dann hat Kairo einiges an Lebensqualität zu bieten. In jedem zweiten Haus findet sich ein Restaurant, ein Café, eine Konditorei, ein Fast-Food-Shop. Und vor den anderen steht zumindest eine mobile Garküche, ein Kiosk, ein Gemüsestand oder ein Popcorn-Verkäufer. Wer sich einmal bewusst auf das Essensangebot in den Straßen dieser Stadt konzentriert, der kann sich kaum vorstellen, dass so viele Menschen, die einem in den gleichen Straßen begegnen, an Unterernährung leiden.

 

Du lebst nur einmal

„You only live once!“, vielleicht ist diese Einsicht auch ein Grund, warum wir uns vor einiger Zeit schweren Herzens entschieden haben, nach fast zehn Jahren Arbeit als Pfarrer und Pfarrerin in Lüchow, einer kleinen Kreisstadt im beschaulichen Hannoverschen Wendland (bei Gorleben, das durch die Atommülltransporte zu trauriger Berühmtheit gelangt ist) den Rücken zu kehren und etwas Neues zu beginnen. So sind wir Ende Januar hier nach Kairo gekommen: Nadia und Stefan El Karsheh mit unseren beiden Kindern Junis (5) und Lia (1).

Natürlich gab es andere Gründe: Einmal für längere Zeit im arabischsprachigen Ausland zu leben, das war schon seit Abschluss des Zweiten Theologischen Examens ein Traum für uns. Für mich, Nadia El Karsheh, weil ich als Deutsche mit palästinensisch-jordanischem Vater immer schon der arabischen Kultur sehr verbunden bin. Für, mich, Stefan El Karsheh, weil ich durch wiederholte Aufenthalte in Jordanien und Palästina den Orient für mich entdeckt habe und mich dazu im Studium intensiv mit dem Alten Ägypten beschäftigt habe. Vor allem aber, weil wir davon überzeugt sind, dass das Leben im Ausland einen Perspektivwechsel erzwingt, der die bisherigen Selbstverständlichkeiten schmerzhaft und heilsam zugleich in Frage stellt und neue Prioritätensetzungen fordert.

 

Im Wendland sind wir vielen Menschen begegnet, die sich sehr bewusst gegen übermäßigen Konsum und für eine alternative Art der Lebensgestaltung entschieden haben. Dazu gehört natürlich auch eine alternative Energiegewinnung, ein sehr bewusster Umgang mit Ressourcen und Müll. Da kommt es durchaus vor, dass hoch qualifizierte Computerspezialisten auf einmal einen Selbstversorgerbio-Bauernhof betreiben und „nebenbei“ Internetaufträge in aller Welt erledigen. Für sie ist das „You only live once“ keine Aufforderung zur maximalen Genussausbeute, sondern eher ein Ansporn, die Zeit, die einem gegeben ist, möglichst sinnvoll zu nutzen und der Umwelt dabei möglichst wenig Schaden zuzufügen.

 

Zurück in Kairo sieht die Sache da schon wieder anders aus. Unser Auto verbraucht so viel Sprit wie wir es in Deutschland niemals für vertretbar gehalten hätten. Unser Wasser kommt zuverlässig aus der Leitung, zum Trinken leisten wir uns teures Flaschenwasser. Weiten Teilen der Bevölkerung steht kein sauberes Wasser zur Verfügung. Es kostet Überwindung in eines der Müllviertel der Megacity zu fahren und zu sehen, wie Erwachsene und Kinder gleichermaßen den ungetrennten Müll der Wohlhabenden trennen und wieder in Umlauf bringen. Mehr noch, zu sehen, wie sie in unserem Müll leben. Hier ist es unmittelbarer zu sehen, wie wir tatsächlich auf Kosten anderer leben. „You only live once“. Für viele bedeutet das: „Das Leben ist nur kurz“.

 

Es gibt viele Dinge, die uns nachdenklich machen, wenn wir in dieser Stadt unterwegs sind. Da sind die Porträts von so vielen jungen Menschen, die während der Demonstrationen rund um die „Revolution“ getötet wurden. Gerade in den Tagen unserer Ankunft gab es schon wieder so viele Tote und Verletzte zu beklagen. Polizei uns Militär sind nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht, Demonstrierende auseinander zu treiben. Genauso wie die gegnerischen Parteien, die immer wieder aufeinander los gehen. Es ist schon bewundernswert, wie viele Menschen sich trotz der echten Gefahr, in die sie sich begeben, auf die Straßen trauen, um für Freiheit und Rechte einzustehen. Das „You only live once“ zählt nicht als Argument dagegen, sein Leben auf`s Spiel zu setzen, wenn es um eine größere Sache geht.

 

Im Wendland waren wir zusammen mit unseren Kolleginnen und Kollegen während der großen Demonstrationen gegen die Atommülltransporte regelmäßig als Seelsorgerinnen und Seelsorger unterwegs. Als Beauftragte der Kirche wurden wir zu Eingekesselten und in die Gefangenensammelstellen vorgelassen. Wenn die Polizei die Versammlungen auflöste und die Demonstrierenden wegtrug, hatten wir das Recht, immer wieder auf die Verhältnismäßigkeit hinzuweisen und an der Seite der Weggetragenen zu bleiben. Wir haben die Geschehnisse aufmerksam beobachtet und dokumentiert und unsere Berichte wurden von der Polizei bei der Auswertung des Einsatzes mit herangezogen. Natürlich gab und gibt es trotzdem auf beiden Seiten immer wieder unangemessene Gewaltausbrüche – aber verglichen mit der Willkür, mit der der Staat hier in Ägypten vorgeht, ist die Demonstrationsfreiheit in Deutschland, Gott sei Dank, ein hohes Gut.

 

Ebenso wie die Religionsfreiheit. Was nach unseren Erfahrungen im Pfarramt bei vielen leider eher als Freiheit von, denn als Freiheit zur Religion verstanden wird. Es ist für uns ungewöhnlich, zu sehen wie selbstverständlich die meisten Ägypter, Muslims wie Christen, mit ihrer Religion leben. Wie sie beten, fasten und den Koran oder die Bibel als echte Lebenshilfe verstehen. Allerdings ist nicht zu übersehen, wie schwer es die Christen haben, wirklich gleichberechtigt ihre Religion zu leben und wie schnell selbst kleinste Provokationen in furchtbare Gewalt umschlagen.

Manche ägyptische Christen leben mittlerweile in echter Furcht und fühlen sich nicht mehr frei. Umso schöner war es für uns, am Gründonnerstag mitten im dichten Kairoer Verkehr ein besonderes Taxi vor uns zu entdecken. Wenn es uns wegen des Alltags um uns herum bis dahin kaum gelungen war, geistlich irgendwie bei Ostern anzukommen, so waren wir auf einmal mittendrin. Und wir haben es dann ein paar Tage später am Ostersonntag sehr genossen, nach dem Gottesdienst in aller Öffentlichkeit vor der Kirche zusammen die Auferstehung des Herrn zu feiern.

„You only live once“ – wir sind froh und dankbar, einen Teil unseres Lebens hier in Kairo verbringen zu dürfen und freuen uns auf eine Begegnung mit Ihnen und Euch am ein oder anderen Ort.

 

Ich stehe heut an der Tahrir                                                     
(Text: Stefan El Karsheh, Melodie: Ich steh an deiner Krippe hier, Kairo März 2013)

Ich stehe heut an der Tahrir, / und frag mich: „Komm ich rüber hier?“ / An jeder Hand ein kleines Kind, / ob Autofahrer gnädig sind? In sha allah, el hamdelulah / Kairo ist nicht nur wunderbar. Shwoie, shwoie, malesh habibi…

Zur Tanke fahrn zur falschen Zeit, / stehst du für Sprit die Räder breit. / Im Auto stehn zur Mittagsstund, / erleidest du den Stundenschwund.In sha allah, el hamdelulah / Kairo ist viel zum Stauen da. Shwoie, shwoie, malesh habibi…

Den Taxifahrer frag ich, nur, / Kennst Du die Shara  Ahmed al Nor. Ein Zögern kurz in seinem Blick, / Mischmushkille – ich scheu zurück. / In sha allah, el hamdelulah / In Kairo weiß ich wo ich fahr, Shwoie, shwoie, malesh habibi…

Die Möbelpacker vor der Tür, / es ist schon spät, 11.00 schlägt die Uhr, / um 0.30 Uhr „So was jetzt?“ / Fragt mich der Scheich, ich bin entsetzt! / In sha allah, el hamdelulah / Die Nacht ist hier zur Arbeit da. Shwoie, shwoie, malesh habibi…

Die Kinder rufen „what’s your name?“ / Die Ältren schauen fast „the same“. / „Welcome to Egypt!“ everywhere / Wem fällt das Hiersein da noch schwer. / In sha allah, el hamdelulah / Bestimmt und freundlich ist man ja, Shwoi, shwoi, schukran habibi …

 

 

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Alltagsleben Kairo?

Feluka-Fahrt auf dem Nil mit der ganzen Familie

 

 

 

Inzwischen sind es mehr als zwei Monate, die wir in Kairo leben. Die Zeit scheint noch schneller zu laufen als in Lüchow. Wir gewöhnen uns an den Verkehr, an den Lärm, an die vielen Menschen. Nicht so sehr an das frühe Aufstehen, die langen Wartezeiten

Junis mit seiner Urkunde nach dem Pyramidenlauf

im Stau oder die geringen Gottesdienstbesucher. Noch ist das meiste Neu für uns: Wo bekomme ich eine Lammkeule für den Osterschmaus her? Beim Schlachter an der Tahrirstraße. Der hat Lammfleisch. Wo gibt es LAN-Kabel und Computerzubehör? Beim kleinen Laden neben der Falafelbäckerei gleich um die Ecke. Oder in der großen Shopping-Mall Richtung Alexandria. Und wie mache ich dem Vodafone-Mitarbeiter klar, dass ich die autorisierte Person für das Handy-Konto der Gemeinde bin? Mit Hilfe der Nilsynode, einem Brief und einem Stempel. Das sind nur einige wenige Beispiele dafür, wo es nicht so leicht ist, Dinge zu „organisieren“. Auf der anderen Seite haben wir viele Helfer.

Unsere Haushälterin Ridda ist unbezahlbar. Sie räumt auch mal eigenständig unsere Wohnung um, wenn sie meint, das sei besser so. Außerdem kocht sie traumhaft gut Ägyptisch, aber auch Lasagne und Schnitzel. Mohammed, unser Bawab, besorgt für uns Wasserkisten, weist uns beim Parken ein und ist eine gute Seele fürs ganze Haus. Das spüren auch Lia und Junis. Die beiden fühlen sich ganz wohl hier in der Fremde. Heute im Zoo waren neben den Affen und den Elefanten wir die größte Attraktion.

Kirchturm Boulak von der Hochstraße aus

Das Osterfest hat uns dieses Jahr überrascht. Alles kam so schnell. Kaum, dass die Fastenzeit begonnen hat, da befanden wir uns auch schon in der Karwoche. Wir haben ein tolles Tischabendmahl bei uns zu Hause gefeiert. Karfreitag in der Kirche und Ostersonntag wieder in der Kirche und mit anschließendem Brunch vor der Kirchentür. Das war romantisch wie ohrenbetäubend.

Osterbrunch vor der Kirche und an der 6spurigen Straße plus Hochstraße

Denn direkt vor der Kirchenpforte verläuft eine sechsspurige Straße (Shara Galaa) und eine viersspurige Hochstraße. Das ist ein Ostergefühl der anderen Art. Ungewöhnlich, aber nicht unmöglich

Ein seltener Anblick – aber es passt zu Ostern

 

 

 

Achja. der Container: Wir sind froh, dass unser Container angekommen ist. Mitte März war es soweit: Wir hatten uns schon auf den Kasten aus Hamburg mit dem wohlklingenden Namen „Krumpf“ gefreut. Doch stattdessen kam ein kleiner Möbelwagen, ägyptisch gepackt bis unters Dach. Sechs junge Männer und ein „Scheich“ packten unsere Kisten aus. Alle hatte der Zoll geöffnet, alle!

 

Doch anders als bei unserem Auto, wo ein Drittel des Kaffees, den wir im Kofferraum deponiert hatten, verschwunden ist (mitsamt der Pfeiffe von Stefan – ein Zeichen? – und dem Kompass und der Wegfahrsperre), fehlte hier nichts. Und zu Bruch ist auch nicht viel gegangen. Nachts um 0.30 Uhr waren alle Kisten ausgeräumt.

Die Möbelpacker bauen das Kinderzimmer auf – um 1.00 Uhr nachts

 

Da fragt uns der Scheich: „Und was sollen wir jetzt aufbauen?“ Ich konnte es nicht fassen. Aufbauen mitten in der Nacht? “

Bitte, fangen Sie an!“ Das Hochbett, die Couch, Lias Bett, das Regal – alles war im Nu aufgebaut und um 2.30 Uhr lagen wir totmüde im Bett. Und um 6.00 Uhr klingelte der Wecker zum Pyramidenlauf. Heute haben wir fast alle Kisten ausgeräumt. Und vieles ist schon sehr heimelig. Doch hier und da fehlt es noch …

Das Wendland ist überall – Die Bustore der DEO

Wie es weiter geht erfahrt Ihr bald.

Seid alle herzlich gegrüßt aus dem gar nicht so alltäglichen Kairo

Nadia und Stefan mit Junis und Lia

P.S.. Lia sagt schon Puppe und Pappa, so etwas wie Ridda und Mohammed kann sie auch schon. Und sie liebt Falafel. Gut integriert, das Kind.

Ein großes Problem in Kairo: Die Müllberge

Erster Urlaub nach Ostern in der weißen Wüste

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Was für eine Stadt!

Große Tafel auf einem Schiff-Restaurant mit Gästen der Einführung

Fast einen Monat sind wir nun schon im Lande. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Am vergangenen Wochenende sind wir von Dine Fecht und Martin Pühn von der EKD in Hannover eingeführt worden. Ein feierlicher Gottesdienst in der 100 Jahre alten Deutschen Evangelischen Kirche in Boulaq. Viele sind gekommen, um mit uns gemeinsam zu feiern. Das hat uns kräftigen Rückenwind gegeben für unsere Aufgabe.

Junis geht seit drei Wochen in den Kindergarten. Er fühlt sich wohl, obwohl es ihm nicht immer leicht fällt, der „Neue“ zu sein. Er ist tapfer und neugierig genug, sich davon nicht entmutigen zu lassen. Lia läuft munter durch die Wohnung und lässt sich von der turbulenten Großstadt und den staunenden Ägyptern nicht beirren. Zwei tolle Kinder, die sich sehr gut einfinden.

Für uns ergibt sich von Tag zu Tag ein immer klareres Bild, welche Aufgaben wir haben. Ein wichtiger Arbeitsbereich ist die Deutsche Evangelische Oberschule. Stefan arbeitet im Schulausschuss dieser renommierten Schule mit. Nadia hat einen Schwerpunkt in der

Junis und Lia im Club Gezira auf Zamalek

vielfältigen diakonischen und sozialen Arbeit der Gemeinde gesetzt. Außerdem gibt es eine Krabbelgruppe im „Schweizer Club“, Konfirmandenunterricht im Pfarrhaus und defekte Pumpen im Außenbereich der Kirche. Vieles ist neu,

vieles kommt uns sehr vertraut vor. Vor allem erfreuen uns die vielen Begegnungen und Treffen mit aufgeschlossenen und freundlichen Menschen.

Woran wir uns noch gewöhnen müssen, sind die Wege und die Unmengen an Autos mit ihren Hupen. Es braucht zum Teil viel Zeit, von Ort zu Ort zu gelangen. Dafür freuen wir uns auf unser Auto und unseren Container. Mit etwas Glück sind beide am Wochenende oder nächste Woche in Alexandria und schon bald bei uns.

Die Minarette der Al Ahsa Moschee

Noch immer haben wir das sichere Gefühl, da zu sein, wo wir hingehören.

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Wir sind da!

Schlüsselübergabe des Vakanzvertreters Dirk Römmer an Nadia El Karsheh

Empfang nach dem Verabschiedungsgottesdienst in der Kirche in Boulak

Nun hat es eine Zeit gedauert, bis wir ein Lebenszeichen aus Kairo senden konnten. Bis heute gab es keinen Internetanschluss für uns. Doch jetzt können wir Euch sagen: Es geht uns gut in der Mega-City Kairo! Wir sind am Donnerstag gut gelandet. Ein Empfangskommitee hat uns mit Blumen und Süßigkeiten am Flughafen empfangen. Eine gute Seele hat den Kühlschrank gefüllt und ein Gästebett für Heidrun und ein Kinderbett für Lia aufgestellt.

Die Wohnung hat uns freundlich empfangen. Wir konnten hier gleich anfangen zu leben. Es fehlt noch an diesem oder jenem, doch das macht der schöne Garten, der tolle Balkon und die Großzügigkeit der Wohnung wieder wett. Wir hatten schon einige ermutigende Begegnungen mit Konfirmandinnen, mit Gemeindegliedern und Kirchenvorstehern. Wir werden mit großer Offenheit empfangen. Sonntag wurde unser Vertreter Pastor Dirk Römmer verabschiedet. Die Kirche in Boulak ist wunderschön. Es wird uns viel Freude machen, dort zu arbeiten.

Die Demonstrationen und Ausschreitungen sind hier – gar nicht weit vom Ort des Geschehens entfernt –  nicht zu bemerken. Hier läuft der Alltag bisher ganz normal weiter. Gestern waren wir kreuz und quer in der Stadt unterwegs. Bis auf ein paar gesperrte Straßen war auch dort alles ruhig und normal. In der U-Bahn unter dem Tahrir-Platz brannten uns allerdings die Augen vom Tränengas oben. Es ist schon eigentümlich gerade. Wir werden über die Botschaft auf dem Laufenden gehalten. Hoffen wir das Beste.

Wir können schon sagen, dass wir das Gefühl haben, gut geleitet auf unserem Weg zu sein.

 

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Der erste Schritt ist geschafft!

Am Mittwoch fuhren die Umzugswaren mit zwei Containern fürs Lager und einem für die Seepassage nach Kairo von dannen. Ein merkwürdiges Gefühl, all sein Hab und Gut so davonziehen zu sehen. Kaum zu glauben, wie viel wir trotz allen Aussortierens immer noch besitzen. Für den Flug und die erste Zeit in Kairo bleibt noch eine Menge einzupacken. Ob das alles passt?

Drei Tage haben wir bei Nina und Nadine in Beseland „zwischencampiert“, seit Freitag sind wir in einer Ferienwohnung am Schaalsee „zu Hause“. Endlich ein paar Tage Ruhe und Zeit zum Sortieren – der Sachen und der Eindrücke.

Die vielen Abschiede haben uns sehr bewegt, uns aber auch gestärkt. Denn die vielen guten Wünsche haben uns Kraft gegeben für die vielen Aufgaben, die uns erwarten.

Dieser Blog wird in Zukunft immer wieder über die wichtigsten Ereignisse und Neuigkeiten informieren. Auch ein paar Fotos werdet Ihr hier finden. Die Seite ist öffentlich und allen zugänglich.

Gott befohlen!

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